EP2: Kolonialismus und warum wir weißen Männern in Kitteln eher glauben als anderen - mit Dr. Emilia Roig
Shownotes
warum gilt bestimmtes wissen als objektiv – und anderes als irrational oder unwissenschaftlich? und was hat kolonialismus damit zu tun, wie wir heute über wissenschaft und spiritualität sprechen?
in dieser folge von GOTT & die welt spreche ich mit der politikwissenschaftlerin, bestsellerautorin und aktivistin dr. emilia roig über koloniale machtstrukturen in unseren wissenssystemen – und darüber, wie tief sie bis heute unser weltbild prägen.
emilia roig ist expertin für intersektionalität, systemische ungleichheit und diskriminierung. sie gründete das center for intersectional justice (cij) in berlin, lehrte u. a. an der humboldt-universität, der hertie school und der depaul university in chicago und berät organisationen, regierungen und ngos zu fragen sozialer gerechtigkeit. ihre bücher "why we matter" und "das ende der ehe" wurden zu bestsellern und haben zentrale gesellschaftliche debatten in europa mitgeprägt.
gemeinsam sprechen wir über: – wie der kolonialismus unsere heutige wissenschaft geprägt hat – und warum wissen nie neutral entstanden ist – wie rassentheorie und eugenik als vermeintlich wissenschaftliche konzepte genutzt wurden, um menschen zu hierarchisieren – warum weiße männer bis heute als neutrale autoritäten in wissenschaft, politik und philosophie gelten – und was das mit kolonialen erzählungen zu tun hat – wie sich daraus hierarchien von wissen entwickelt haben: welches wissen anerkannt wird – und welches systematisch abgewertet oder ausgelöscht wurde – das konzept des epistemizids – also das gewaltsame töten von wissensformen jenseits europas – warum spiritualität in deutschland oft belächelt, delegitimiert oder sogar gefürchtet wird – und weshalb die vorstellung von „objektiver wissenschaft“ selbst politisch und historisch geprägt ist
viel spaß!
Credits Produktion: Wana Limar, Partner in Crime Management Redaktion: Wana Limar, Thomas B. Ibrahim, Waslat Hasrat-Nazimi Schnitt (Audio): Thomas B. Ibrahim Soundtrack: Jaxx TMS
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Das heißt, die Wissenschaft an sich als Disziplin, also nicht Disziplin, als Methode, als Werkzeug (übersprechen: sozusagen, ist neutral. Das ist, wie sie investiert wird in der Gesellschaft und welche Rolle ihr auch gegeben wird, das problematisch ist. Speaker 1 32:30 Was würdest du sagen, abschließend ist deine Vision für eine postkoloniale Wissenschaft? Welche Schritte müssten unternommen werden, um so koloniale Einflüsse in der Wissenschaft zu erkennen und zu überwinden, Emilia? Speaker 2 32:43 Also ich würde das eher dekolonial nennen, weil postkolonial sind wir auch schon in bestimmten Hinsichten. Also es gibt noch Kolonien, aber im Großen und Ganzen haben wir eine postkoloniale Ära, sind wir schon drin. Dekolonial ist ein Prozess. Es ist auch, glaube ich, nicht der perfekten Begriff dafür, weil dekolonial heißt oder suggeriert, dass wir in einem vorkolonialen Ära oder Paradigma auch ankommen werden. Das ist nicht möglich. Wir können den Kolonialismus nicht rückgängig machen. Wir können diese ganze Zeit auch nicht ignorieren und deshalb wäre das vielleicht ein bisschen naiv und auch teilweise schädlich zu denken, dass Dekolonialismus oder dekoloniale Ansätze dazu führen, dass wir so eine verlorene Welt auch wieder gewinnen können. Dekolonial kann trotzdem verwendet werden, so als Wort, weil es hilft uns auch zu sehen, okay, was ist jetzt kolonial? Also ja, die Universität ist kolonial, das muss dekolonialisiert werden. Die Wissenschaft ist kolonial, es muss dekolonialisiert werden. Spiritualität et cetera, et cetera. Es gibt so viele Bereiche. Aber es geht darum, eine Vielfalt an Perspektiven und Quellen, Wissensquellen zuzulassen. Deshalb, ich glaube, so der Prozess ist vor allem ein Loslassen-Prozess, weil im Moment verlangt es so viel Energie, um diesen System aufrechterhalten. Das heißt, damit wir eben in diesem Paradigma bleiben, muss so viel Energie verwendet werden, so viel Gewalt auch. Ja, also so viel Ausschlüsse, aktiv Menschen ausschließen, aktiv dafür sorgen, dass die Welt bleibt, so wie sie ist. Die Veränderung ist schon unterwegs und deshalb, was wir jetzt bräuchten, ist ein kollektives Loslassen, wo wir alle auch Vertrauen haben, dass diese unterschiedlichen Perspektiven sich durchsetzen. Die sind auch die ganze Zeit schon da. Das ist nur, dass sie werden als minderwertig abgestempelt und auch aktiv ausgeschlossen. Aber sie sind schon da. Und ich glaube, wir haben eine Zeit erreicht, einen Moment erreicht, wo viele von uns daran nicht mehr glauben und wo viele von uns auch sich nach mehr sehnen. Sich nach mehr Sinn, nach mehr Offenheit, nach mehr Wahrheit. Also ich glaube, viele Menschen suchen die Wahrheit und finden sie nicht, weil sie uns auch vorgegeben wird als: „Okay, das ist die Wahrheit, aber bitte nicht drumherum gucken, nicht jenseits davon gucken." Und ich glaube, wir sind jetzt reif als Menschheit, um zu sagen: „Nein, nein, nein, warte mal, es gibt noch was da und ich will das sehen und du kannst mich nicht davon abhalten." Ja, also so viel Ausschlüsse, aktiv Menschen ausschließen, aktiv dafür sorgen, dass die Welt bleibt, so wie sie ist. Die Veränderung ist schon unterwegs und deshalb, was wir jetzt bräuchten, ist ein kollektives Loslassen, wo wir alle auch Vertrauen haben, dass diese unterschiedlichen Perspektiven sich durchsetzen. Die sind auch die ganze Zeit schon da. Das ist nur, dass sie werden als minderwertig abgestempelt und auch aktiv ausgeschlossen. Aber sie sind schon da. Und ich glaube, wir haben eine Zeit erreicht, einen Moment erreicht, wo viele von uns daran nicht mehr glauben und wo viele von uns auch sich nach mehr sehen, sich nach mehr Sinn, nach mehr Offenheit, nach mehr Wahrheit. Speaker 2 36:04 Also ich glaube, viele Menschen suchen die Wahrheit und finden sie nicht, weil sie uns auch vorgegeben wird als: „Okay, das ist die Wahrheit, aber bitte nicht drumherum gucken, nicht jenseits davon gucken." Und ich glaube, wir sind jetzt reif als Menschheit, um zu sagen: „Nein, nein, nein, warte mal, es gibt noch was da und ich will das sehen und du kannst mich nicht davor abhalten." Speaker 1 36:23 Ja, oh Gott, schöne Schlussworte, glaube ich.Richtig, richtig toll.Danke dir für das Gespräch, liebe Emilia. Speaker 2 36:30 Vielen Dank. Speaker 1 36:30 Ich habe sehr, sehr viel gelernt. Speaker 2 36:32 Danke schön. Speaker 1 36:33 Wirklich krass viel.Ich werde noch mal-- Was war das?Der Betrieb hieß "epistemic feat". Speaker 2 36:39 Ja. Speaker 1 36:39
I didn't know. Okay (übersprechen: So, Leute, das war die Folge mit Emilia Rogge. Alter, wie krass war das bitte hier? Also ich weiß nicht, wie es äh euch geht, aber ich war in dem Gespräch mit dir immer wieder richtig krass mindblown und habe richtig wieder zulernen können und deswegen möchte ich jetzt gerne einmal meine drei wichtigsten Learnings aus diesem Gespräch für euch noch mal zusammenfassen, ja? Damit ihr auch alle schön was mitnehmt. Also erstens: Im Kolonialismus haben vor allem weiße europäische Männer die Rassentheorie entwickelt und dabei haben sie nicht nur Menschen in vermeintlich höherwertige und minderwertige Gruppen eingeteilt, sondern den ganzen Scheiß auch noch zum wissenschaftlichen Fakt deklariert. Zweitens: Der Kolonialismus hat über Jahrhunderte europäisches Wissen gewaltsam als das einzig Ware durchgedrückt. Wissensysteme sowie spirituelle Traditionen, die jenseits von Europa existierten, wurden unterdrückt und massiv geschädigt. Drittens: Die Auswirkungen dieser Zeit spüren wir bis heute, denn zum einen prägt die Rassentheorie von damals unsere heutige gesellschaftliche Ordnung, 'cause racism is still a bitch. Und zum anderen hinterfragt man heute deswegen die Vorstellung, dass Wissenschaft in jedem Fall objektiv ist, mehr denn je. Also mein Fazit ist daraus, dass wir, um wirklich vielfältige und gerechte Wissensysteme zu schaffen, anerkennen müssen, dass es mehr Perspektiven gibt als nur die europäische. Danke fürs Zuhören und wir sehen uns beziehungsweise hören uns beim nächsten Mal, wenn es wieder heißt "Gott und die Welt" mit Juan Alima. Nächste Folge geht es dann das Thema Spiritualität mit einem richtig krassen Gast. Ich sage noch nicht, wer. Ganz herzlichen Dank noch mal Emilia für ihre Zeit und ihr Wissen. Produktion und Redaktion, Partner in Crime, Thomas Ibrahim und ich, Juan Alima. Bis dann in der Antenne.
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